Quarzkristalle – mineralische Grundlage digitaler Technologie
Station 02

Körperliche KI

Wenn wir über Künstliche Intelligenz sprechen, nutzen wir oft Metaphern des Ätherischen: die Cloud, der virtuelle Raum, das drahtlose Netz. Doch der Medienarchäologe Jussi Parikka lehrt uns einen anderen Blick: Technologie ist Geologie. Jedes Rechenzentrum ist ein Archiv seltener Erden.

Die Cloud ist dabei eine der erfolgreichsten Metaphern unserer Zeit, weil sie uns glauben lässt, Information sei gewichtslos, getrennt von unserer Welt. Doch das Gegenteil ist wahr. Künstliche Intelligenz hat einen massiven, physischen Körper. Dieser Körper besteht aus Silizium-Minen in China, Lithium-Feldern in Chile und riesigen Rechenzentren. In der Kulturtheorie spricht man von der Geologie der Medien: Jedes Smartphone, jede KI ist ein Stück umgeformte Erde.

Medianatures

In Anlehnung an Donna Haraways Naturecultures beschreibt Parikkas Begriff die totale Verflechtung von Technik und Natur. Es gibt keine Trennung mehr zwischen der „physischen Welt" und der „digitalen Welt". Umgekehrt gilt: Die Erde ermöglicht Medien überhaupt erst – durch Mineralien, Materialien, geophysikalische Bedingungen.

And conversely, it is the earth that provides for media and enables it: the minerals, materials off the ground, the affordances of its geophysical reality that make technical media happen. This is the double bind – which I call the sphere of medianatures.

— Jussi Parikka

Die mineralische Basis der Hardware

Digitale Technologie existiert nicht im luftleeren Raum, sondern basiert auf einer massiven Mobilisierung der Erdkruste.

1. Chemische Komplexität

Ein moderner Computerchip besteht aus bis zu 60 verschiedenen Elementen, darunter Edelmetalle wie Gold und Silber sowie kritische Stoffe wie Indium, Gallium und Seltene Erden.

2. Geologische Extrakte

Jedes Smartphone ist ein „geologischer Extrakt". Wenn wir ein Gerät in der Tasche tragen, tragen wir faktisch Stücke von Afrika wie Coltan aus dem Kongo oder Zink aus Alaska bei uns.

3. Mining vs. Data Mining

Während wir oft über „Data Mining" als Metapher sprechen, basiert die Existenz dieser Daten auf tatsächlichem Bergbau.

Die Materialität des Digitalen ist ein Thema von höchster Dringlichkeit, das unser herkömmliches Verständnis von Technologie, als etwas flüchtiges oder virtuelles, grundlegend infrage stellt.

Um die fundamentale Verflechtung von Technologie und Natur zu begreifen, lohnt ein Blick auf das 19. Jahrhundert und auf die Telegrafie, das erste globale Telekommunikationsnetzwerk.

In ihrer Grundfunktion basierte die Telegrafie auf der Übertragung elektrischer Impulse über weite geografische Distanzen. Ein klassischer Stromkreis erfordert hierfür physisch zwei Leiter: einen für den Hinweg und einen für den Rückweg des Signals. Um jedoch die immensen infrastrukturellen und ökonomischen Hürden zu überwinden, Tausende Kilometer Kabel verlegen zu müssen, bedienten sich die Ingenieure einer ebenso pragmatischen wie konzeptionell radikalen Lösung: der sogenannten Erdrückleitung.

An den jeweiligen Enden der Telegrafenstationen wurden Metallplatten im Boden vergraben. Der elektrische Impuls nutzte dadurch die natürliche Leitfähigkeit unseres Planeten, die sogenannten „tellurischen Ströme", um wieder zum Ursprungsort zurückzufließen und den Stromkreis zu schließen. Man sparte sich schlichtweg das zweite Kabel, indem man den Planeten selbst als Leiter einsetzte.

In genau diesem Moment der Technologiegeschichte wandelte sich die Erde von einem passiven Untergrund zu einem aktiven technologischen Bauteil. In der kulturwissenschaftlichen Betrachtung erscheint die Telegrafie somit als das erste technologische Nervensystem des Planeten: Die oberirdischen Drähte bildeten die Nervenfasern, doch der planetare „Körper", der den Kreislauf vollendete und die Signale trug, war die Erde selbst.

Hier offenbart sich die absolute Verschmelzung von Technik und Geosphäre zu einem Hybriden.

Ein Telegrafensystem bestand faktisch zur Hälfte aus technologischen Artefakten (Batterien, Kupferdrähten, Schaltern) und zur Hälfte aus geologischen Gegebenheiten (Bodenbeschaffenheit, Grundwasser, Mineralien).

Dieses historische Paradigma veranschaulicht präzise Parikkas Konzept der Medianatures: Die Erde ist nicht nur ein passives Reservoir, aus dem wir Ressourcen für unsere Hardware abbauen. Sie war und ist das fundamentale physische Medium, das unsere technologischen Netzwerke – von der frühen Telegrafie bis zur heutigen globalen Infrastruktur der Künstlichen Intelligenz – überhaupt erst operativ macht.

Der Röntgenblick

Wie viele chemische Elemente können in einem modernen Chip stecken?

Tippe auf verschiedene Stellen des Chips, um seine geologische Herkunft freizulegen.

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Literatur

Parikka, J. (2015). A Geology of Media.