
Blick in die Sterne
Die Sternwarte steht für klassischen Forschergeist: beobachten, messen, deuten. Doch viele Phänomene der Gegenwart entziehen sich menschlicher Wahrnehmung, weil sie zu groß, zu komplex und räumlich-zeitlich zu verteilt sind. Timothy Morton nennt solche Phänomene Hyperobjekte – etwa den Klimawandel, aber auch technische Systeme.
Diese sind so gewaltig und komplex, dass sie für die menschliche Wahrnehmung unsichtbar bleiben. Wir spüren das Wetter, aber wir sehen nicht das Klima. Hier kommt die KI ins Spiel. Sie ist kein Teleskop, das vergrößert, sondern kann ein Sensorium für Hyperobjekte darstellen. Sie erkennt Muster in der Atmosphäre, in den Ozeanen und in genetischen Sequenzen, die wir nur schwer wahrnehmen könnten und bereitet diese für uns auf.
Massive Phänomene wie der Klimawandel oder das Internet. Sie sind in Zeit und Raum so weit verteilt, dass sie für den Menschen „nicht-lokal" sind. Man kann sie nie als Ganzes sehen, sondern nur in ihren punktuellen Auswirkungen (wie Regentropfen oder ein lokaler Datentransfer) wahrnehmen.
Sie besitzen eine Viskosität, die bewirkt, dass sie an uns „kleben"; wir können uns nicht von ihnen distanzieren.
Auch KI-Systeme und globale Netzwerke sind Hyperobjekte.
Die Eigenschaft von Hyperobjekten, dass ihre lokale Manifestation (z. B. ein Smartphone) nicht identisch mit dem Objekt selbst (das globale Netzwerk) ist.
Hyperobjects are real whether or not someone is thinking of them. Indeed [...] hyperobjects end the possibility of transcendental leaps outside physical reality.
— Timothy MortonWenn Hyperobjekte aufgrund ihrer Größe und Komplexität für menschliche Wahrnehmung unzugänglich sind, kann KI zu einem neuen Sinnesorgan werden – einem externen Sensorium, das Muster und Zusammenhänge sichtbar macht, die unseren Sinnen verborgen bleiben.
Das Paradox der Wahrnehmung
Die Sternwarte war der Ort, von dem aus wir den Kosmos beobachteten – ferne Objekte, die durch Teleskope sichtbar gemacht wurden. Heute beobachten wir Hyperobjekte, die nicht fern sind, sondern uns umgeben, durchdringen, konstituieren.
Das Paradox: Wir scheinen KI zu brauchen, um diese Phänomene wahrzunehmen – aber KI selbst ist ein Hyperobjekt, das Teil der Phänomene ist, die wir wahrnehmen wollen. Es gibt kein „draußen", keinen Beobachterstandpunkt außerhalb der Hyperobjekte. Wir sind immer schon mittendrin.
Frage:
Angenommen wir leben in einer Welt, die von Hyperobjekten geprägt ist: Wie können wir Verantwortung übernehmen, wenn wir nie das Ganze überblicken können?
Morton, T. (2013). Hyperobjects: Philosophy and Ecology after the End of the World.
Morton, T. (2016). Dark Ecology: For a Logic of Future Coexistence.